In unserem neuen Interview spricht Schulleiterin Barbara Biehler über ihr Schulentwicklungskonzept an der Grundschule „Zum Striedt“. Sie erläutert, wie der Grundsatz „Das Kind im Mittelpunkt“ durch flexible Lernstrukturen, jahrgangsübergreifende Gruppen und eine konsequente Orientierung an individuellen Bedürfnissen praktisch umgesetzt wird. Dabei gibt sie Einblicke, wie durch Partizipation und die Rolle der Lehrkräfte als Lernbegleiter die Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler gestärkt werden kann. Ein reflektierter Blick auf einen langfristigen Schulentwicklungsprozess, der dazu einlädt, bestehende Abläufe zu hinterfragen.
„Das Kind im Mittelpunkt“ zieht sich wie ein roter Faden durch Ihr Schulkonzept. Was bedeutet dieser Grundsatz für Sie ganz konkret und wie hat er Ihre Schulentwicklung geprägt?
Für uns bedeutet „Das Kind im Mittelpunkt“” ganz konkret, dass wir uns in allen Bereichen immer zuerst fragen: Was braucht dieses Kind gerade? Das beginnt bei uns schon vor der Einschulung, wenn die Kinder im Kindergarten, in der Vorschulgruppe oder noch Zuhause sind. Wir schauen sehr genau hin: Wie können wir sie bestmöglich abholen? Welche Materialien, welche Medien und welche Lernwege passen zu ihnen? Deshalb kann unser pädagogisches Arbeiten auch jedes Jahr ein Stück anders aussehen, weil jede Lerngruppe und jedes einzelne Kind andere Voraussetzungen und Bedürfnisse mitbringt.
Auch im Schulalltag zeigt sich dieser Grundsatz sehr deutlich. Wir arbeiten mit flexible seating, haben keinen starren Fächerkanon und geben den Kindern viel Freiheit darin, ihr Lernen selbst zu organisieren. Die Kinder entscheiden mit, wann sie welche Aufgaben bearbeiten, welche Materialien sie nutzen und wie sie ihren Lernweg gestalten. Auch den Lernort wählen sie dabei selbst. Dabei arbeiten wir konsequent kompetenzorientiert und schauen darauf, welche Kompetenzen ein Kind bereits entwickelt hat und was der nächste sinnvolle Lernschritt ist.
Eine wichtige Rolle spielen dabei unsere Lernentwicklungsgespräche. Gemeinsam mit dem Kind schauen wir darauf, wo es gerade steht, welche Ziele es erreichen möchte und welche nächsten Schritte auf seinem Lernweg anstehen. Mit unseren Bildungspartnern, den Eltern, sind wir dabei eng im Austausch. So entsteht ein gemeinsamer Blick auf das Kind und seine Entwicklung.
Die Kinder dürfen bei uns sehr viel mitgestalten und mitentscheiden – von der Gestaltung des Lernraums über die Auswahl von Materialien bis hin zur Moderation unserer Schulversammlungen. Auch die Pausenausleihe wird von den Kindern selbst organisiert. Diese Selbstbestimmung setzt sich bis in den Nachmittag fort. In unserer freiwilligen Ganztagsschule bewegen sich die Kinder in einem open flow und entscheiden innerhalb eines klaren Rahmens selbst, wann sie essen, wann sie lernen und wann sie spielen möchten.
Wir als Lehrpersonen verstehen uns dabei als Lernbegleiter, wir sind Lerncoaches. Wir begleiten das Kind ganztägig und in allen Bereichen, geben Impulse, schaffen passende Rahmenbedingungen und stehen den Kindern begleitend zur Seite. Dabei arbeiten wir ganz bewusst stärkenorientiert. Für uns steht nicht im Vordergrund, was ein Kind noch nicht kann, sondern was bereits in ihm steckt und woran wir anknüpfen können.
Denn bei uns gilt ganz klar: Jeder kann etwas. Jeder ist jemand. Genau diese Haltung des growth mindsets prägt unsere gesamte Schulentwicklung.
Ein zentraler Baustein ist das jahrgangsübergreifende Lernen der Klassenstufen 1 bis 4. Warum haben Sie sich für dieses Konzept entschieden? Wie organisieren Sie es im Schulalltag und welche Erfahrungen machen Sie damit?
Für uns war das jahrgangsübergreifende Lernen eine ganz logische Konsequenz aus unserer Haltung heraus: Kinder lernen nicht nach Geburtsjahr, sondern nach ihrem individuellen Entwicklungsstand. Wir haben Kinder, die in einzelnen Bereichen schon sehr weit sind, und andere, die an einer anderen Stelle noch mehr Zeit brauchen. Genau dafür möchten wir Raum und Zeit geben.
In unseren jahrgangsübergreifenden Lerngruppen von Klasse 1 bis 4 kann jedes Kind auf seinem eigenen Niveau und in seinem eigenen Tempo arbeiten. Lernangebote richten sich deshalb nicht danach, in welcher Klassenstufe ein Kind ist, sondern danach, welche Kompetenzen es bereits mitbringt und was der nächste sinnvolle Lernschritt ist. So kann ein jüngeres Kind durchaus schon bei den Größeren mitlernen und ein älteres Kind etwas noch einmal aufgreifen, ohne dass das auffällt oder bewertet wird.
Ein ganz großer Gewinn ist für uns das Lernen voneinander. Die Jüngeren orientieren sich an den Älteren, schauen sich Abläufe, Arbeitsweisen und Regeln ab und wachsen dadurch sehr schnell in die Gruppe hinein. Gleichzeitig profitieren die älteren Kinder davon, wenn sie etwas erklären, unterstützen oder Verantwortung übernehmen. Wer etwas anderen erklären kann, festigt auch das eigene Wissen noch einmal ganz anders.
Dabei entstehen ganz automatisch wichtige soziale Kompetenzen. Die Kinder lernen, Hilfe anzunehmen und Hilfe zu geben, miteinander zu kommunizieren, Kompromisse zu finden und Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen. Konkurrenz tritt viel stärker in den Hintergrund, weil ein direkter Vergleich kaum möglich ist – jedes Kind befindet sich an einer anderen Stelle seines Lernweges. Für uns ist genau diese Unterschiedlichkeit eine große Chance.
Im Schulalltag arbeiten die Kinder deshalb sehr selbstständig. Einführungen und neue Inhalte finden häufig in kleinen, passenden Lerngruppen statt. Danach arbeiten die Kinder individuell oder miteinander weiter. Als Lehrpersonen haben wir dadurch die Möglichkeit, genauer zu beobachten, zu beraten, Rückmeldung zu geben und einzelne Kinder gezielt zu begleiten.
Besonders schön finde ich auch den Rollenwechsel innerhalb der Gruppe. Ein Kind, das zunächst zu den Jüngeren gehört und Unterstützung bekommt, wächst irgendwann selbst in die Rolle hinein, anderen etwas zu zeigen und Verantwortung zu übernehmen. Dadurch erleben die Kinder ihren eigenen Lernzuwachs sehr bewusst und entwickeln Selbstvertrauen.
Letztlich bildet diese Form des Lernens für mich auch viel stärker die Lebenswirklichkeit ab. In Familie, Kindergarten, Beruf und Gesellschaft sind wir schließlich auch nicht ausschließlich mit Menschen desselben Jahrgangs zusammen. Die Kinder lernen bei uns deshalb von Anfang an, mit Unterschiedlichkeit umzugehen und sie als etwas Selbstverständliches zu erleben. Heterogenität ist für uns kein Problem, das wir lösen müssen, sondern eine Chance, die wir nutzen.
Auch die Organisation des Schultages haben Sie neu gedacht, zum Beispiel mit längeren Pausen und einer flexibleren Rhythmisierung. Welche Überlegungen stecken dahinter und was verändert sich dadurch für die Kinder?
Unser Schulalltag ist sehr klar strukturiert und gleichzeitig so angelegt, dass die Kinder innerhalb dieses Rahmens möglichst viel selbst entscheiden können. Am Vormittag arbeiten wir in zwei größeren Blöcken. Der erste reicht bis zu unserer großen Pause von 45 Minuten, danach folgt ein weiterer Lernblock. Uns war wichtig, weg von einem ständigen Wechsel im 45-Minuten-Takt zu kommen und den Kindern längere, zusammenhängende Lernzeiten zu ermöglichen. So können sie sich intensiver mit Themen beschäftigen und in ihrem eigenen Rhythmus arbeiten.
Dienstags und donnerstags schließen sich zusätzlich Lernzeiten an, in denen die Kinder gezielt an ihren Basiskompetenzen weiterarbeiten können. Auch hier wählen sie sich in unterschiedliche Lernräume ein und behalten gemeinsam mit uns ihre nächsten Lernziele im Blick. Grundlage dafür sind unsere kompetenzorientierten Jahrespläne in Deutsch, Mathematik und Sachunterricht, die für alle vier Jahrgangsstufen ausgearbeitet und langfristig aufeinander abgestimmt sind. Auch in weiteren Bereichen wie Religion oder Französisch planen wir entsprechend voraus. Das Team behält die Lernentwicklung der Kinder dabei kontinuierlich im Blick.
Zur Rhythmisierung gehört für uns auch, unterschiedliche Lernorte anzubieten. Kinder können sich beispielsweise in unsere „Insel“ zurückziehen oder in der Bücherei und auf unserer Bühne arbeiten. Lernräume sollen zu den unterschiedlichen Bedürfnissen der Kinder passen: Manche brauchen Austausch, andere Ruhe, manche Bewegung und wieder andere einen geschützten Ort zum konzentrierten Arbeiten.
Ein weiterer Baustein sind unsere Projektphasen. Zu einem gemeinsamen Oberthema können die Kinder eigene Ideen und Interessen einbringen. Daraus entwickeln wir als pädagogisches Team verschiedene Angebote, in die sich die Kinder anschließend einwählen können. Dadurch erleben sie, dass ihre Interessen gehört werden und sie ihren Lernprozess aktiv mitgestalten können.
Mit Klassenrat, Schülerrat und regelmäßigen Schulversammlungen schaffen Sie verschiedene Möglichkeiten zur Mitbestimmung. Welche Rolle spielt Partizipation in Ihrem Schulkonzept und wie erleben Sie die Kinder dabei?
Partizipation ist bei uns kein zusätzlicher Baustein, sondern fest im Schulalltag verankert. Lerngruppenrat, Schülerrat und unsere wöchentlichen Schulversammlungen sind verbindlich in den Stundenplänen implementiert und geben den Kindern regelmäßig Raum, ihre Ideen, Wünsche und Anliegen einzubringen.
Unser Schülerrat, der bei uns Striedtolinrat heißt, tagt einmal im Monat. Dort kommen die Sprecherkinder aus allen Lerngruppen sowie die Schülersprecherkinder zusammen. Sie bringen Themen aus ihren Lerngruppen mit, formulieren Wünsche und Anregungen, sprechen aber auch ganz bewusst Lob und Wertschätzung aus. Uns ist wichtig, dass die Kinder erleben: Ihre Stimme hat Gewicht und sie können tatsächlich etwas bewirken.
Das zeigt sich auch ganz konkret. Die Kinder haben sich beispielsweise für neue Spielgeräte auf dem Schulhof eingesetzt oder mitentschieden, wofür ein Teil des Geldes verwendet werden sollte, das wir durch einen Schulpreis erhalten haben. Auch größere Projekte entstehen aus ihren Ideen heraus. Im vergangenen Jahr wurde beispielsweise das Projekt „housing first“ angestoßen, bei dem Spenden für Menschen ohne Obdach gesammelt wurden. Solche Erfahrungen zeigen den Kindern, dass Mitbestimmung immer auch bedeutet, Verantwortung für andere und für die Gemeinschaft zu übernehmen.
Unsere wöchentlichen Schulversammlungen liegen komplett in Kinderhand. Im Laufe der Woche können sich die Kinder in eine Liste eintragen, wenn sie etwas präsentieren, zeigen oder vortragen möchten. Auch die Moderation übernehmen sie selbst. Wir Lehrpersonen begleiten lediglich organisatorisch und unterstützen dort, wo Hilfe gebraucht wird. Die Verantwortung für die Schulversammlung tragen die Kinder.
Auch der Lerngruppenrat ist ein fester Bestandteil und bietet den Kindern innerhalb ihrer Lerngruppe einen geschützten Raum, um Themen gemeinsam zu besprechen, Lösungen zu finden und demokratische Prozesse einzuüben.
Partizipation endet für uns allerdings nicht bei Gremien und Schulversammlungen. Sie zeigt sich genauso im täglichen Lernen. Die Kinder planen ihr Lernen zunehmend selbst, setzen sich eigene Ziele und reflektieren regelmäßig, ob und wie sie diese erreichen. Dadurch erleben sie Selbstwirksamkeit nicht nur bei schulischen Entscheidungen, sondern auch auf ihrem persönlichen Lernweg.
Unser Ziel ist, dass Kinder nicht nur gefragt werden, sondern erleben, dass sie Schule aktiv mitgestalten können.
Hinter Ihrem heutigen Schulkonzept steht ein längerer Entwicklungsprozess. Was waren für Sie als Schulleiterin wichtige Voraussetzungen auf diesem Weg und was würden Sie anderen Schulen mitgeben, die sich ebenfalls stärker an den Bedürfnissen der Kinder orientieren möchten?
Für mich ist eine der wichtigsten Fragen in einem Schulentwicklungsprozess immer wieder: Warum machen wir das eigentlich? Diese Frage muss man sich ehrlich stellen und auch im Prozess immer wieder neu beantworten. Für uns führt die Antwort immer zurück zum Kind.
Gleichzeitig dürfen wir die Augen nicht vor dem gesellschaftlichen Wandel verschließen. Schule kann nicht so bleiben, wie sie immer war, wenn sich die Lebenswelt der Kinder verändert. Für mich ist es deshalb eine logische Konsequenz, Schule stärker an den Bedürfnissen der Kinder auszurichten und bestehende Strukturen immer wieder zu hinterfragen.
Auf diesem Weg braucht es vor allem Mut, Durchhaltevermögen und Resilienz. Schulentwicklung funktioniert nicht von heute auf morgen. Es braucht ein Team, das bereit ist, diesen Weg gemeinsam zu gehen, Verantwortung zu übernehmen und Veränderungen mitzutragen. Ganz wichtig ist dabei auch: sich nicht entmutigen lassen.
Ebenso entscheidend ist für mich, immer wieder zusammenzukommen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und einen gemeinsamen Konsens zu finden. Veränderungen sollten nicht einfach verordnet werden. Wir gehen deshalb Schritt für Schritt vor: Neues zunächst ausprobieren, gemeinsam evaluieren und dann entscheiden, was sich bewährt hat und dauerhaft implementiert werden kann. Natürlich immer mit allen Beteiligten.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Professionalisierung. Fortbildungen, Austausch und der Blick über den eigenen Tellerrand sind für Schulentwicklung unglaublich wertvoll. Es gibt bereits viele Schulen, Konzepte und gute Beispiele, von denen man lernen kann. Man muss nicht alles neu erfinden. Viel wichtiger ist es, sich anzuschauen, was andernorts gut funktioniert, Ideen mitzunehmen und dann zu prüfen: Was passt zu unserem System? Was ist für unsere Kinder sinnvoll? Was können wir realistisch umsetzen?
Für mich ist dabei auch klar: Schulentwicklung ist nie abgeschlossen. Der Weg geht immer weiter. Wir lernen ein Leben lang und wir entwickeln uns ein Leben lang – genauso sollte auch Schule sein. Sie muss beweglich bleiben, offen für neue Erkenntnisse und bereit, sich immer wieder an veränderte Bedingungen anzupassen.
Dazu gehört auch, Rahmenbedingungen nicht nur als Begrenzung zu sehen, sondern zu überlegen, welche Möglichkeiten innerhalb dieser Rahmenbedingungen entstehen können. Oft ist viel mehr möglich, als man zunächst denkt. Wenn man wirklich etwas verändern möchte, findet man auch Wege.
Mein Rat an andere Schulen wäre deshalb: anfangen, ausprobieren, lernen, weiterentwickeln und sich nicht davon bremsen lassen, wenn nicht sofort alles gelingt. Amazing things happen when you try. Entscheidend ist, das Warum nie aus dem Blick zu verlieren, flexibel zu bleiben und den eigenen Weg konsequent weiterzugehen.
Über Barbara Biehler
Barbara Biehler ist seit 2017 Schulleiterin der Grundschule „Zum Striedt“ in Wemmetsweiler. Mit ihrer Schule zählte sie beim Deutschen Schulpreis 2025 zu den Top 15. Sie ist Sprecherin des Arbeitskreis der Schulleitenden an Grundschulen im Saarland, Mentorin für neue Schulleitungen und Teil des KI-Expertennetzwerks Bildung Saarland.