Ein Beitrag von: Matthias Rust © Friedrich Verlag GmbH | SCHULE LEITEN 44 I 2026
Ein Plädoyer, Berufliche Orientierung ins Selbstverständnis der Schule zu integrieren
Berufliche Orientierung ist ein Kernthema der Schule. Als Querschnittsaufgabe stärkt sie Unterricht und Motivation, wirkt präventiv gegen Abbrüche und schärft das Schulprofil. Systematisch verankert, getragen von Leitung und Kollegium und gestützt durch Netzwerke, steigert sie Wirksamkeit und Zufriedenheit.
Ein Wiedersehen nach vielleicht fünf oder 15 Jahren auf der Straße oder beim Schulfest: Sie, als Lehrperson, begegnen ehemaligen Schüler:innen. Was fragen Sie? „Wie steht es um den lateinischen Wortschatz?“ Oder: „Können Sie noch die binomischen Formeln?“ Nein? Sie möchten viel mehr wissen, was aus Ihren Schüler:innen von einst geworden ist. Was sie nun beruflich tun und ob sie glücklich sind.
Mit diesen Fragen im Sinn hatten Sie offenbar Ihr pädagogisches Handeln auf die Zukunft Ihrer Schüler:innen ausgerichtet, auf deren beruflichen Weg nach der Schule – ob nun in Ausbildung oder Studium.
Zukunft im Blick?
Haben denn alle Lehrkräfte Ihrer Schule die Zukunft der Jugendlichen nach der Schulzeit im Blick? Nicht nur deren fachliche Kompetenzen mit Fokus auf die Inhalte der einzelnen Fächer?
Gut aufgestellt ist Ihre Schule, wenn Sie diese Frage mit Ja be antworten können, wenn es Ziel Ihrer Lehrpersonen ist, jede:n einzelne:n Jugendliche:n in eine für sie oder ihn passende Zukunft zu führen – berufliche Aufgaben, die erfüllend sind und ein auskömmliches Einkommen ermöglichen.
Wenn die Berufliche Orientierung (BO) im Fokus Ihrer Schule steht, wird sie – wie die „Erste Hilfe“ – zunehmend als Begriff verwendet und in jeder Hinsicht großgeschrieben.
Obgleich viele Lehrkräfte dieses vermeintliche Selbstverständnis für sich reklamieren dürften, scheint die Berufliche Orientierung, wenn wir konkret darüber sprechen, oftmals mehr als eine Aufgabe hierfür vermeintlich zu ständiger Kolleginnen und Kollegen gesehen zu werden. Man ist ja schließlich Lehrkraft für dieses und jenes Fach.
Als Schulleitung stellen Sie Lehrpersonen ein, um diese und jene Fächer abzudecken und da mit die Stundentafel zu erfüllen. Bei diesen in der Tat schon hinreichend anspruchsvollen Aufgaben sind die diversen Nebenthemen, die Ihre wertvolle Zeit täglich binden, noch gar nicht benannt.
Doch wer ist primär zuständig und kompetent für diese zentrale Aufgabe der Beruflichen Orientierung? Haben Sie dieses Querschnittsthema, über dessen Stellenwert ich Sie einladen möchte nachzudenken, an Ihrer Schule vielleicht sogar ausgelagert? An die Schulsozialarbeit zum Beispiel? Oder an Lehrpersonen, die sich mit Arbeitslehre oder artverwandtem Unterricht beschäftigen? Ist es nicht unser aller Auftrag, die Jugendlichen zu befähigen, zentrale Zukunftsentscheidungen eigenständig und reflektiert zu treffen?
Über 50.000 Schüler verlassen die Schule jedes Jahr ohne Schulabschluss; die Tendenz ist derzeit auch prozentual wieder steigend. Wenn wir sehen, dass die BO noch nicht von jeder Lehrkraft als ein zentrales Anliegen des eigenen Wirkens wahrgenommen wird, sollten wir das Augenmerk darauf richten, wie wir ein solches Bewusstsein in das Kollegium hineintragen können. Das hat nicht nur etwas mit persönlicher Bewusstwerdung zu tun, sondern auch mit der schulischen Ausrichtung, die der Steuerung durch die Schulleitung unterliegt. Schauen wir uns an, wie das gelingen kann.
Sinnstiftender Bildungsauftrag
Unstrittig dürfte bei allen Unterschiedlichkeiten unseres föderalen Bildungssystems sein, dass Berufliche Orientierung ein Teil es gesetzlichen Bildungsauftrages ist. Denn die Schulgesetze und Bildungspläne der einzelnen Bundesländer fordern zumeist explizit die Vorbereitung auf Ausbildung, Studium und Beruf. BO ist daher keine belastende Zusatzaufgabe, sondern vielmehr Kern schulischer Verantwortung. Darüber hinaus kann sie helfen, den Fachunterricht anschaulicher und lebensnäher zu gestalten.
Denn zu wissen, wofür ich das erlernte Wissen und bestimmte Kompetenzen benötige, führt zu höherer Lernbereitschaft, zu einem größeren Lernerfolg und zur Steigerung der Ausdauer. BO ist sinnstiftend bereits im Fachunterricht und nicht erst bei der Berufswahlentscheidung. Oft ist sie zudem das Vehikel gelingender Lernortkooperationen.
Aus der Arbeit in den sog. Übergangssystemen, etwa berufsvorbereitenden Maßnahmen im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit (BA) oder der Kommunen, wissen wir auch um den präventiven Wert der BO. Sie verhindert Abbrüche und Misserfolgserlebnisse aufgrund unzureichender Information und Passung. Ein zielgerichtetes Matching zwischen Jugendlichen und Ausbildungsstellen, bei denen wir die Hochschulen hinzuzählen, gelingt nämlich nur mit hinreichender Orientierung. BO wirkt auch pädagogisch präventiv, beginnt idealerweise mit der zielgerichteten Kompetenzfeststellung und einer folgenden Kompetenzentwicklung eben nicht nur der fachlichen, sondern ebenso der personalen, sozialen und methodischen Kompetenzen. Dies ist in besonderem Maße – aber nicht nur – für leistungsschwächere Schüler:innen wichtig, und hier hat sich in den vergangenen Jahren auch bereits viel Positives entwickelt.
Praktikumsplätze zu vermitteln und Praktika zu betreuen, ist nur ein kleiner Teil der Berusfsorientierung
Das Kollegium mitnehmen
Der Beruflichen Orientierung mehr Aufmerksamkeit zu schenken und sie systematisch im schulischen Curriculum zu verankern, kann Widerstände hervorrufen, wenn sie als zusätzliche Arbeit wahrgenommen wird. Das ist sie nicht. Sie ist kein weiteres Produkt unter anderen. Auch bedarf es wenig zusätzlicher Strukturen, denn Praktika und Projekte sind etabliert und anschaulicher Unterricht nutzt Lernenden wie Lehrenden.
Gleichwohl bewähren sich schulische Koordinatoren zur Weitergabe von Informationen und dem Kontakt zu Netzwerkpartnern, wie der Bundesagentur für Arbeit, den Kammern oder auch dem regionalen Netzwerk SCHULEWIRTSCHAFT. Deren Angebote wahrzunehmen, erleichtert den Prozess ungemein. Auch die Eltern mit ins Boot zu holen, schafft Verantwortungsbündnisse. Die Aufgabe ruht auf mehreren Schultern, BO wird zur Teamarbeit. Das ist nicht zusätzliche Arbeit, sondern erfüllendere, die dem Einzelkämpfertum im Kollegium entgegenwirken kann.
Das Kollegium mitzunehmen und zu begeistern, gelingt mit kleinen realistischen Zielen. Was für das Abnehmen gilt, gilt auch für das Wahrnehmen der Aufgaben. Konkrete gemeinsame Erfahrungen können ein Ansatz sein: Wir alle erleben Jugendliche, die Sie fragen, wozu sie das zu Lernende brauchen. Wir alle kennen das Gefühl, wenn ehemalige Schüleri:nnen eine Ausbildung abbrechen und perspektivlos erscheinen.
Solche gemeinsamen Erfahrungen erzeugen Zustimmung für die Intensivierung der BO. Sie können es natürlich auch machen wie eine großartige hessische Schulleiterin, die ihre neue Schule auf Berufliche Orientierung hin umkrempelte. Sie versteht es zu begeistern, hat aber auch bereits den Versetzungsantrag für jene Lehrpersonen in der Tasche, die sich dem neuen Teamgeist entziehen möchten. Die auf viele Schultern verteilte Verantwortung schafft Entlastung bei jenen, die mehr Arbeit fürchten.
Nachdem Sie die Zuständigkeitsfrage geklärt haben, beginnen Sie mit überschaubaren, klar definierten Maßnahmen. Die müssen nicht alle neu sein. Zielführend vor- und nachbereitete Praktika mit klaren Regeln – akquiriert nach der Reflexion eigener Interessen, kein gemütliches Abhängen im Betrieb des Onkels nebenan – können ein Anfang sein; die schuleigene Berufsmesse im Haus schon ein größerer Schritt. Machen Sie Bestehendes sichtbar. Das steigert die Motivation und überfordert das Kollegium nicht.
Berufsmessen zu besuchen, vielleicht sogar an der eigenen Schule, hilft den Lernenden, neue Perspektiven zu entwickeln
Berufliche Orientierung: auch wertvoll für die Schule
Wenn Schulen sich – bedingt durch den demografischen Wandel – zunehmend im Wettkampf, um Schülerzahlen befinden, kann der zusätzliche Schwerpunkt Berufliche Orientierung attraktiv auf unentschlossene Eltern und deren Kinder wirken. Dieses Profil fügt sich nahtlos in Ihr bestehendes ein.
BO beißt sich nicht mit anderen Schwerpunkten. Vielmehr gelten Sie damit als praxisnah und verantwortungsvoll. Die Außendarstellung Ihrer kooperierenden Betriebe wirkt attraktiv auf Eltern, die mit mehr erfolgreichen Anschlüssen ihrer Kinder in die Berufswelt rechnen dürfen. Das gilt übrigens auch für Gymnasien! Ein verbessertes Übergangsmanagement stärkt darüber hinaus auch Ihre Position gegenüber Schulträger und Schulaufsicht.
Ausgezeichnet sein
Wenn Sie einen Schritt weiter gehen und eine besondere Würdigung Ihres Engagements und des Einsatzes Ihrer Lehrkräfte erfahren möchten, bewerben Sie sich für das „Berufswahlsiegel“ (s. a. T. Bührmann in dieser Ausgabe). Dieses Gütesiegel für gute Berufliche Orientierung geht weit über das mitgelieferte Aushängeschild hinaus. Vielmehr verstehen progressive Schulleitungen das damit einhergehende Audit als Teil ihres eigenen Qualitätsmanagements.
Im schulischen Kontext scheint es nachvollziehbar, wenn Kolleg:innen geneigt sind, jede nicht zwingend erforderliche Dokumentation als lästig zu erachten. Doch ein solcher Prozess lohnt sich. Daraus resultiert eine differenzierte Rückmeldung des Auditteams und der Jury, die zumeist unmittelbar zu einer Auszeichnung als Gütesiegel-Schule führt und in festlichem Rahmen auf Landesebene gefeiert wird. Vor allem jedoch können Sie die externe Rückmeldung als Teil Ihres eigenen Managementprozesses werten.
Eine Bewerbung für das Siegel sollte nicht mit Ängsten verbunden sein. Denn die Auditteams mit Auditoren aus Schule, Unternehmen und beratenden Organisationen mögen kritisch sein; ganz sicher sind sie jedoch wohlwollend. Unternehmen zahlen für solche Verfahren viel Geld, das sie als gute Investition in den eigenen Fortschritt betrachten. Die Schule kostet der Gütesiegelprozess nichts. Die externe Bestätigung für Ihre vorbildliche Berufsorientierung ist wahrscheinlich mehr wert als manch aufwendiges Marketing.
Wirkung nach innen
Vor allem wirkt die zunehmende Ausrichtung Ihrer Schule auf eine gute Berufliche Orientierung nach innen. Sie führt zur Stärkung der pädagogischen Wirksamkeit Ihrer Lehrkräfte. Denn deren Arbeit zeigt langfristige, über die Schulzeit hinausgehende Erfolge. Sie bringt die Jugendlichen auf den ihnen gemäßen Weg in eine aussichtsreiche berufliche Zukunft, orientiert an deren Stärken, Neigungen und im Rahmen des Berufsorientierungsprozesses konkreter erkennbaren Interessen.
Dies bedarf nicht immer besonderer Maßnahmen. Manchmal sind es kleine Impulse für den Einzelnen, etwa seine Stärken in passenden Berufsfeldern zu erproben. Jugendliche nehmen diese Impulse wahr. Sie erkennen in ihnen den Sinngehalt der Ausrichtung allen Lernens auf das Leben.
Eine besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang der Kompetenzfeststellung und der Kompetenzentwicklung empfinden zum Teil erstmals, dass der Blick auf sie selbst, auf ihre Persönlichkeit und deren Förderung gerichtet wird, nachdem sie viele Jahre den Eindruck hatten, mit ihren fachspezifischen Minder-Leistungen würden sie auch als Mensch gemäß ihres schulischen Leistungsvermögens bewertet werden. Das Sichtbarmachen personaler und sozialer Kompetenzen, die bislang noch nicht umfänglich gesehen oder explizit wertgeschätzt sein mögen, lässt auch jene erstrahlen, die keine fachlichen Leuchten sind.
Hieraus entsteht ein wichtiger Impuls für die gelingende Berufliche Orientierung: Die sichtbar gewordenen – gerade auch nicht fachlichen – Kompetenzen sind Ausgangspunkt der zielgerichteten Berufswahl. Denn nach den Stärken der Einzelnen zu schauen und an sie anzuknüpfen, ermöglicht wegweisende Impulse für die spätere Ausbildung, ob dualer oder hochschulischer Natur. Diese Stärken zu benennen und gemeinsam zu überlegen, wie sie im Leben genutzt werden können, führt oftmals zu einem Motivationsschub, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und Energie in die weitere Bildung zu investieren.
Allemal erfolgt die Wahl der Praktika und die weiteren Aktivitäten der BO zielgerichteter. Vor allem jedoch fühlen sich auch leistungsschwächere Schüler als wertvoller Teil der Schulgemeinde und tragen ihren Teil dazu bei. Nicht zuletzt steigert das Gefühl der Wirksamkeit auch die berufliche Zufriedenheit und Motivation der Lehrkräfte. Diese inneren Wirkfaktoren sind nachhaltige Gelingensbedingungen erfolgreicher Arbeit.
Unternehmer- und Gründergeist in der Schule
Kooperationen mit Unternehmen, ob für Praktika oder im Rahmen schulinterner Veranstaltungen, bringen frischen Wind in Schlulflure. Der kann sogar den Gründergeist ins Haus wehen. Etwas, das Lehrkräfte aufgrund meist fehlender eigener Erfahrungen nur schwer vermitteln können. Das Gründen einer Schülerfirma, z. B. mithilfe des Junior-Programms, begleitet von Mitarbeitenden des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) und angespornt vom eigenen Erfolg wie auch durch Landeswettbewerbe, vermittelt den Jugendlichen eine unmittelbare Erfahrung der Verantwortung, kombiniert mit BO. Bei diesen Landes- und Bundeswettbewerben erlebe ich viele Schüler, die außerordentlich wertschätzend von ihrer Schule berichten, weil sie für ihr Leben so viel Relevantes gelernt haben.
Wenn Sie Ihre ehemaligen Schüler wiedersehen, erinnern diese sich auch nach Dekaden noch gern an Ihre Impulse als Lehrkraft und Schulleitung. Denn Sie nehmen mit Ihrem Kollegium die Zukunft Ihrer Schüler ernst wie Ihre eigene Wirksamkeit als Schule – als Aufgabe und als Haltung.
Matthias Rust ist Geschäftsführer des Netzwerks SCHULEWIRTSCHAFT Hessen, leitet die Abteilung Koordination, Steuerung und Strategie der Gruppe Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft, ist Auditor und Mitglied der Landesjury Hessen des bundesweiten Berufswahlsiegels sowie des hessischen Landeswettbewerbs der Junior-Schülerfirmen.