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Critical Friends im Team

Eine Feedback- oder Reflexionsmethode für die Schulleitung

Ein Beitrag von Joachim Gerking ©Friedrich Verlag GmbH | SCHULE LEITEN 40 I 2025

Schulleitungsteams können ihren Pendants wertvolles Feedback aus externer Perspektive geben. Durch gegenseitige Schulbesuche und offenen Austausch entstehen Impulse zur Schulentwicklung. Dieses niederschwellige Peer-Review-Format hilft, blinde Flecken zu erkennen und praxisnahe Lösungen zu entwickeln.

Ein kritisches, aber wohlwollendes Feedback zum eigenen Leitungshandeln zu erhalten, ist der Wunsch vieler Schulleitungsteams. Die Evaluation einzelner Veranstaltungen oder immer wiederkehrender Arbeitsprozesse durch eine Befragung beteiligter und betroffener Lehrpersonen wie auch eine Arbeitszufriedenheitsbefragung des Kollegiums können hier sinnvolle Instrumente sein. Die Schulleitung fördert damit die Partizipation und darüber die Identifikation der Befragten mit schulischen Entwicklungszielen und dem Schulleitungshandeln. Die Meinung anderer zum eigenen Handeln einzuholen, ist ein Zeichen der Stärke, wenn der Befragung ein echtes Interesse zugrunde liegt, andere Perspektiven kennenzulernen, die unter Umständen die eigene Wahrnehmung und „Wirklichkeit“ in Frage stellen (vgl. Patrzek & Scholer 2022, S. 158 f.). Das Feedback der Lehrpersonen der eigenen Schule ist sicherlich bedeutsam und hilfreich, jedoch wird sich eine Schulleitung bei einigen Fragestellungen auch ein Feedback aus Schulleitungsperspektive wünschen (vgl. Murphy 2024, S. 173). Hier können andere Schulleitungsteams als „Critical Friends“ eine wichtige Funktion einnehmen.

Der wissenschaftliche Blick auf „Critical Friends“

In der wissenschaftlichen Literatur werden „Critical Friends“ dem Peer Review als Form der externen und internen Evaluation zugeordnet. Die Qualitätsansprüche und -kriterien, die damit verbunden sind, mögen auf Schulleitungen eher abschreckend wirken und ihre Motivation, auf ein solches Instrument zurückzugreifen, erheblich mindern. Doch wenn man Gelingens- und Misslingensbedingungen kennt, kann sich der Einsatz dieses niederschwelligen und praktikablen Instruments lohnen (vgl. Gieske-Roland 2015).
Der große Unterschied zu einer externen Evaluation, wie z. B. durch die Schulinspektion: Die Beurteilung durch „Critical Friends“ als Feedback- oder Reflexionsmethode ist ein freiwilliges Verfahren, bei dem die Initiative von der einzelnen Schulleitung ausgeht, die den inhaltlichen Fokus und den Umgang mit den Ergebnissen in ihrer Hand hält.

Peers mit Expertise
Ziel ist es, dass Gleichgesinnte – so z. B. ein anderes Schulleitungsteam aus der Umgebung – ihre Außenperspektive einbringen und darauf basierend Entwicklungsimpulse geben, mit denen schulische Prozesse und Arbeitsabläufe wie auch einzelne Veranstaltungen verbessert und weiterentwickelt werden können. „Critical Friends“ sind mit ihrer Außenperspektive in der Lage, blinde Flecken aufzudecken, die intern kaum erkannt werden, weil es sich um Routineabläufe handelt, die nicht mehr hinterfragt werden.

Vertrauen
Ein entscheidender Faktor für die Wirksamkeit der „Critical Friends“ ist, dass es bei dieser Form des Feedbacks keine unterschiedlichen Hierarchieebenen gibt, sondern dass das Verhältnis zwischen Feedbacknehmenden und Feedbackgebenden partnerschaftlich sowie kritisch-konstruktiv und damit vertrauensvoll ist. Durch das partnerschaftliche Verhältnis verringert sich die Gefahr, dass den Feedbackgeber:innen eine geschönte schulische Realität präsentiert und die eigene Arbeit möglichst positiv dargestellt wird. Es geht stattdessen darum, die Herausforderungen, mit denen man sich konfrontiert sieht, offen darzulegen und anzusprechen, in der Hoffnung, dass man dazu wertvolle Impulse oder sogar Lösungsansätze erhält.

Zwischen Beratung und Coaching
Bei der Beratung durch „Critical Friends“ handelt es sicherlich in der Praxis um ein hybrides Format zwischen Coaching und Beratung. Denn die „Critical Friends“ sollen sowohl inhaltliche und fachliche Expertise mitbringen (Beratung) als auch Reflexionsprozesse auslösen, die es dem Feedback nehmenden Schulleitungsteam erlauben, eigene Lösungsansätze zu entwickeln (Coaching).

Evaluation
Die wissenschaftliche Literatur zu solchen Peer Reviews durch „Critical Friends“ nimmt eher aufwändige Evaluationsvorhaben in den Fokus, die eine Einbeziehung der gesamten Schulgemeinde – oder zumindest des gesamten Lehrerkollegiums – schon in der Vorbereitung erfordern oder wünschenswert machen und die mit einer Datenerhebung verbunden sind.
Aus der Praxis wissen Schulleitungen jedoch, wie kritisch Lehrpersonen solchen externen Evaluationen gegenüberstehen und wie viele Widerstände allein durch ihre Ankündigung ausgelöst werden können. Die Bedenken werden hier auch nicht allein durch den Hinweis auf die besondere Rolle der „Critical Friends“ beseitigt werden.

Schulleitungsteams im Austausch

Ohne die wichtige Funktion einer professionellen datengestützten externen Evaluation für die Schulqualität und Qualitätsentwicklung infrage zu stellen, wird hier eine niederschwelligere Option für die Nutzung von „Critical Friends“ durch Schulleitungen aufgezeigt.
Schulen und Schulleitungen nutzen viel zu wenig die Chancen und Möglichkeiten, voneinander zu lernen. Ein Grund dafür ist häufig, dass sie sich in Konkurrenz zu anderen Schulen – besonders im näheren Umfeld – sehen und deshalb nur ungern erfolgreiche an der eigenen Schule entwickelte Konzepte und Verfahrensweisen mit anderen teilen oder die eigenen Herausforderungen und Probleme vor diesen thematisieren. Das Ergebnis ist, dass viele Schulleitungsteams – wie Lehrpersonen auch – Kämpfe einzeln ausfechten und für alle Probleme ihre eigene Lösung finden wollen, ohne von Expertise oder Erfahrungen anderer Schulleitungen zu profitieren.

Vernetzung nutzen
Andere Schulleitungsteams als „Critical Friends“ an die eigene Schule einzuladen, kann zu einer stärkeren Vernetzung führen und zugleich Lernprozesse an der eigenen Schule anstoßen. Im folgenden Erfahrungsbericht sollen die Chancen einer solchen Vernetzung beleuchtet werden. Der konkreten Umsetzung liegt dabei kein festes Konzept oder Modell zugrunde, sondern sie basiert auf dem Prinzip „Learning by doing“.
Zugleich werden auch Überlegungen zur möglichen Gestaltung eines solchen Austausches angestellt.
Auf Tagungen und Konferenzen kommen Schulleitungen häufig mit anderen Schulleitungen in einen informellen Kontakt, der erkennen lässt, ob ihre Schulen vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Ausgehend von einer solchen Begegnung vereinbarte das Schulleitungsteam, dem ich angehöre, mit einer anderen Schulleitung einen Besuch mit anschließendem Gegenbesuch. Auf zwei gemeinsamen Sitzungen der beiden Schulleitungsteams sollte der entstandene Austausch vertieft und zielgerichtet weitergeführt wer den. Es mag hilfreich sein, wenn beide Schulen die gleiche Schulform haben, so z. B., wenn die Vorbereitung auf und die Gestaltung von zentralen Abschlussprüfungen im Fokus stehen, ist aber keine grundsätzliche Voraussetzung. „Critical Friends“ mit einer anderen Schulform als Hintergrund auszuwählen, bietet hingegen den Vorteil, dass auch schulformtypische blinde Flecken oder entwicklungshemmende Glaubenssätze erkannt und thematisiert werden können (wer als Austauschpartner:in infrage kommt, lesen Sie im Kasten).

Konkrete Organisation
Die Entscheidung, ob man für die gemeinsame Schulleitungssitzung einen ganzen Tag oder nur einen Nachmittag vorsieht, hängt von Reiseaufwand für die „Critical Friends“ und sonstiger Arbeitsbelastung ab. Den Vormittag einzubeziehen, hat den Vorteil, dass die Besucher:innen den Schulbetrieb stärker live mitbekommen. Auch ein gemeinsames Mittagessen trägt dazu bei, die partnerschaftliche Beziehung zu stärken. Wenn sich die beiden Schulleitungsteams zum ersten Mal treffen, werden das gegenseitige Kennenlernen – sich einander mit den jeweiligen Funktionen und Arbeitsgebieten vorzustellen – sowie das Kennenlernen der Schule über einen Rundgang zunächst im Vordergrund stehen und den Einstieg in das gemeinsame Gespräch darstellen.

Feedback mit Struktur
Ohne dass man sich anschließend für den inhaltlichen Austausch kleinteilig an eine bestimmte Vorgehensweise halten muss, bietet es sich dennoch an, eine bestimmte Schrittfolge einzuhalten. Die Benennung und Vorstellung der Herausforderungen Herausforderungen, mit denen sich die gastgebende Schule konfrontiert sieht und über die sie gerne mit den „Critical Friends“ in Austausch und Reflexion treten würde, obliegt den Gastgeber:innen. In einem zweiten Schritt sollten die „Critical Friends“ die Möglichkeit haben, Nachfragen zu stellen, um Unklarheiten zu beseitigen. Das anschließende Feedback durch die „Critical Friends“ kann drei Facetten umfassen:

1. unterstützende Aussagen, die Feedbacknehmende im eigenen Handeln bestätigen;
2. Darstellung alternativer Sicht- oder Vorgehensweisen;
3. Thematisierung von Bedenken (https://fr-vlg.de/bfhvtp).

Wichtig ist, dass sich die Feedbacknehmer:innen in dieser Phase auf das Zuhören beschränken und nicht sofort versuchen, das eigene Handeln zu erklären oder zu rechtfertigen.

Wie weiter?
Gemeinsame Schulleitungstreffen werden in der Regel nicht zu einem sofortigen Umdenken oder Über-Bord-Werfen der bisherigen Praxis führen, jedoch haben wir die Erfahrung gemacht, dass es immer ein oder zwei konkrete Handlungsideen gibt, die sich sofort umsetzen lassen und die Prozesse an der besuchten Schule verbessern. Da der Umgang mit dem Feedback in der Verantwortung des gastgebenden Schulleitungsteams verbleibt, kann dieses ergebnisoffen über die erhaltenen Rückmeldungen und Anregungen weiter diskutieren.
Der Gegenbesuch sollte nicht in allzu großem zeitlichen Abstand erfolgen, um die Vertrautheit und das Vertrauen, die hoffentlich zwischen den beiden Schulleitungsteams entstanden sind, aufrechtzuerhalten.

Fazit

Unabhängig von konkreten Veränderungsschritten, die aus solchen Treffen resultieren, haben wir gemeinsame Sitzungen mit anderen Schulleitungsteams immer als gewinnbringend wahrgenommen – sei es aufgrund von wertschätzender Rückmeldung, die wir erhalten, sei es aufgrund von konkreten Anregungen, die wir als hilfreich empfunden haben.

Wer kommt als Critical Friend infrage?
Schulleitungen und Schulleitungsteams müssen sich nicht zwingend mit ihren Pendants austauschen, sie können auch andere Führungskräfte(teams) einladen:
• Schulentwicklungsberater:innen – die idealerweise nicht aus dem eigenen Schulaufsichtsbereich kommen,
• und für ganz mutige Schulleitungen – Führungskräfte aus dem nicht-schulischen Bereich.
Die ausschlaggebendenden Kriterien sind: ein offener Blick sowie eine der Schule zugewandte Haltung.

Literatur
Gieske-Roland, M. (2015): Der Peer Review als Verfahren der Schulentwicklung. In: Buhren, C. G. (Hg.): Handbuch Feedback in der Schule, Weinheim, Basel, S. 108-124.
Murphy, M. C. (2024): Cultures of Growth. How the New Science of Mindset Can Transform Individuals, Teams and Organizations. London.
Patrzek, A. & Scholer, S. (2022): Die Kraft des Fragens. Schlüsselkompetenz für Teams, Coaching und Führung. Weinheim, Basel.

Joachim Gerking ist stellvertretender Schulleiter der Alexander-von-Humboldt-Schule, einem Gymnasium in Lauterbach (Hessen), und Mitherausgeber von Schule leiten.

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